Zum ersten Mal erreichten estnische Tiermärchen den Leser in der Form
eines selbständigen Buches als "Eesti rahva ennemuistsed jutud"
("Die altertümlichen Geschichten des estnischen Volkes") (1885)
von Fr. R. Kreutzwald und "Eesti muinasjutud" ("Die estnischen
Märchen") (1885) von J. Kunder. Es handelte sich um estnische Märchen,
die von den estnischen Schriftstellern in Worte gefaßt wurden - ebenso,
wie es bei den "Kinder- und Hausmärchen" der Brüder Grimm
der Fall war. Zu dieser Gruppe gehören auch die sehr populären "Ennemuistsed
jutud Reinuvaderist Rebasest" ("Altertümliche Geschichten von
Reinecke Fuchs") (1911) von E. Peterson-Särgava, die auf Jugendserinnerungen
des Autors basieren. Auch dieses Buch ist später in vielen Fassungen und
mit zahlreichen Illustrationen veröffentlicht worden.
"Das estnische Altertum" ("Eesti muinasaeg") (1889/90) von
J. Jõgever enthält volkstümliche Materialien, die von der Estnischen
Literärischen Gesellschaft (1872-1893) gesammelt wurden. Das war zugleich
der erste Versuch, die Volkserzählungen zu systematisieren und mit Angaben
der Sammler und des Ursprungs der Texte zu versehen. Die Verbreitung von Jõgevers
Publikation blieb jedoch gering.
Jahrzehntelang (seit 1882) waren M. J. Eisens zahlreiche Ausgaben der Volkserzählungen
für den interessierten estnischen Leser eine wesentliche Quelle der Märchentexte.
Einige von Eisens Publikationen folgen relativ genau dem von den Sammlern aufgezeichneten
Originaltext, die anderen dagegen enthalten mehrere Modifikationen und Änderungen,
die hinsichtlich der Authentizität eher als schädlich empfunden werden
müssen und vom Standpunkt der heutigen Regeln des Redigierens nahezu unerlaubt
sind. Infolgedessen fanden sowohl volkstümliche Originaltexte als auch
von Schriftstellern umformulierte Texte Eingang in die estnischen Märchenausgaben.
O. Loorits (1934, 1936) und R. Viidalepp (1935) veröffentlichten in ihren
für die Schulen zusammengestellten Lesebüchern und Sammlungen Archivtexte,
die nur spärlich redigiert und geändert waren. Später kamen ähnliche
Sammlungen von S. Lätt und E. Normann (1955, 1967) hinzu.
Das setukiesische Dialekt (gesprochen in Südostestland) war am Anfang für
viele Leser, besonders für die Kinder schwer verständlich. Deshalb
übersetzte der Sprachforscher Julius Mägiste zehn Märchen, die
er selbst aufgezeichnet hatte, in die estnische Schriftsprache und die Estnische
Literärische Gesellschaft veröffentlichte sie 1938/39 vereinzelt in
Büchern, die von jungen Künstlern illustriert wurden. Dieselben zehn
Märchen erschienen mit einem Nachwort von Pille Kippar im Jahre 1991.
Unter den bisher veröffentlichten Sammlungen der setukiesischen Märchen,
die auf Originaltexten basieren, ist die Sammlung "Marjakobar ja teisi
setu muinasjutte" (1959) offensichtlich die beste. E. Normann und H. Tampere
nahmen in das Buch mehrere solche Märchen ein, die anderswo in Estland
unbekannt sind und derzeit überhaupt zum ersten Mal gedruckt wurden. Eine
in wissenschaftlicher Hinsicht sehr gute Leistung ist das Buch "Setu lauludega
muinasjutud" ("Setukiesische Märchen mit Liedern") (1987)
von K. Salve und V. Sarv. Seine dialektalen Texte sowie verschiedene Register,
Aufzählungen und Zusammenfassungen sind für eine wissenschaftliche
Benutzung angebracht. Das Hauptteil enthält 61 Märchen mit Liedern,
darunter 23 Tiermärchen.
Auch die Texte der von P. Kippar zusammengestellten Tiermärchen-Ausgabe
"Tere, tere, Tiipajalga!" (1976) und der Sammlung der Geschichten
über den dummen Teufel "Antsu torupill. Lugusid rumalast Vanapaganast"
(1978) stammen aus den handschriftlichen Sammlungen.
Mehrere Originaltexte sind in Sprach- und Dialektübersichten erschienen,
ebenso in der Publizistik.
Die erste und bisher einzige wissenschaftliche estnischsprachige Ausgabe, in
der alle Märchengattungen vertreten sind, erschien 1967 unter dem Titel
"Estnische Märchen" ("Eesti muinasjutud"), zusammengestellt
von V. Mälk, I. Sarv, R. Viidalepp. Das Nachwort enthält einen Überblick
über alle Märchengattungen, über die Sammler und Erzähler,
Erzählsituationen und -Funktionen. Im Kommentarenteil gibt es Angaben über
die Aufschreibung, Verbreitung, Häufigkeit und Kontaminationen eines jeden
Textes, ebenso mehrere Verbreitungskarten. Mit einem vervollständigten
Nachwort und Kommentaren versehen ist das Buch zweimal auch in der deutschen
Sprache erschienen ("Estnische Volksmärchen", Berlin 1980, 1990).
Schon früher wurde für den deutschsprachigen Leser in der Fabula-Serie
die kommentierte Ausgabe "Estnische Volkserzählungen" (1959)
von O. Loorits herausgegeben.
Im Jahre 1991 erreichte das von J. Talvet zusammengestellte Buch "Rehepapp
ja Vanapagan. Eesti muinasjutte" ("Der Drescher und der dumme Teufel.
Estnische Märchen") mit einem Nachwort von K. Salve den Kreis der
Märchenleser. Die Ausgabe enthält eine Auswahl von früher im
Druck erschienenen und redigierten Texte. Der Verlag "Perioodika"
hat das Buch auch in der deutschen, der russischen, der englischen und der spanischen
Sprache veröffentlicht.
Die erstmalige Veröffentlichung der estnischen Tiermärchen in der
wissenschaftlichen Literatur der Welt geschah durch Jacob Grimms Arbeit "Reinecke
Fuchs" (1834) in der deutschen Sprache. Diese Texte stammten aus dem 8.
Heft der "Beiträge", das von dem Estophilen H. Rosenplänter
zusammengestellt war. Alle zwölf in diesem Heft veröffentlichten Märchen
setzten ihre Verbreitung in der finnischen Sprache fort, nämlich wurden
sie im dritten Teil der finnischen Märchenausgabe "Suomen kansan satuja
ja tarinoita" ("Märchen und Volkserzählungen des finnischen
Volkes") (1863) von Eero Saamelainen gedruckt.
Es gibt eine detailierte Statistik über das Herausgeben und das Übersetzen
der estnischen Tiermärchen (Pille Kippar, Estnische Tiermärchen. Typen-
und Variantenverzeichnis. Helsinki 1986. - Folklore Fellows Communications 237).
Bisher gibt es noch keine vergleichbare Übersicht über andere estnische
Märchengattungen. Jedoch hat R. Viidalepp eine allgemeine deutschsprachige
Übersicht über das Publizieren und Forschen der estnischen Märchen
geliefert (Estnische Volksmärchen. Berlin 1980, 1990).
Ungeachtet der etwa zwei Jahrhunderten langen Geschichte des Sammelns, Forschens
und Herausgebens gibt es bisher keine übersichtliche Publikation der estnischen
Märchen, die Beispiele aus allen registrierten Typen liefern würde.
Die vorliegende Arbeit versucht es, damit anzufangen - sie liefert dem deutschsprachigen
Leser eine Variante von jedem in Estland aufgeschriebenen Tiermärchen.
Als Basis für diese Auswahl dienten mehr als 3000 handschriftliche und
über 1300 im Druck erschienene Märchenvarianten. Man bevorzugte die
Texte, die bisher noch nicht im Druck erschienen waren, um möglichst viel
in Handschriften vorhandenes Material verfügbar zu machen. In einigen Fällen,
wenn ein Erzähltypus nur durch eine Aufschreibung vertreten war, oder in
irgendeiner spezifischen wenig bekannten sprachwissenschaftlichen Ausgabe erschienen
war, konnte man auch für eine früher gedruckte Variante entscheiden.
Im vorliegenden Buch findet man 280 Texte in der Form von separaten Geschichten
sowie Kontaminationen. Ausgelassen hat man einige Typen, die im Katalog zwar
einbezogen sind, vom Standpunkt des traditionellen Märchens aber jedoch
verdächtig sind, und einige improvisatorische Typen, die nur durch eine
einzige Variante vertreten sind. Ebenso hat man solche Typen, die zwar gedruckte,
von Übersetzungen beeinflußte Varianten aufweisen, von denen aber
volkstümliche Aufschreibungen fehlen, ausgelassen.
Im Katalog der estnischen Tiermärchen (Kippar 1986) hat man 314 Erzähltypen
registriert. Von einigen Typen gibt es verschiedene lokale Redaktionen, die
brauchgemäß auch hier als separate Erzähltypen behandelt werden.
Wir finden im estnischen Katalog auch solche Geschichten, die zwar erzählt
werden, sich aber in Estland nicht zu vollständigen Märchen entwickelt
haben. Die Typennummern von solchen Geschichten stehen im Kommentarenteil in
Klammern.
Die Kommentare informieren uns über den Standort des Textes in den estnischen
handschriftlichen Folkloresammlungen (Sammlung, Serie, Band, Seite, Nummer),
den Ort des Aufschreibens (Kirchspiel, Gemeinde, Dorf), den Namen des Aufschreibers
und des Erzählers (falls vorhanden), das Alter oder das Geburtsjahr des
Erzählers und das Aufschreibungsjahr (in Klammern). Es folgt die Typennummer
des internationalen Katalogs von Aarne-Thompson (AT), die Benennung des Typen
(falls sie mit dem Titel der Geschichte nicht identisch ist) und die Anzahl
der estnischen Varianten. Die Bezeichnung Mt (Märchentyp) vor der Typennummer
bedeutet, daß die Geschichte bisher in den internationalen Katalogen fehlt
und im estnischen Katalog der Tiermärchen zum ersten Mal registriert wird.
Die Bezeichnung Med weist auf den Katalog der Tiermärchen von A. Medne
hin (1940).
Unter den Kommentaren findet man Angaben über die Verbreitung einer Geschichte,
über literarischen Einflüsse und internationale Parallelen. Unter
den Tiermärchen gibt es mehrere solche Sujets, die gern kontaminiert mit
anderen Typen erzählt werden. Falls es sich um eine Kontamination handelt,
liefert das Kommentarenteil die Nummer, die Bezeichung und die Variantenzahl
des angeschlossenen Typus. Das bedeutet aber nicht, daß die Texte sich
wiederholen. Jede Geschichte, jede Kontamination sollte man als ein selbständiges
Ganzes betrachten - als ein aus einem konkreten Kirchspiel und Dorf in einem
gewissen Jahr von einem gewissen Erzähler erzähltes und von einem
Sammler aufgeschriebenes Märchen.
Einen herzlichen Dank schulde ich Reet Hiiemäe für die deutsche Übersetzung.
Die Verfasserin