
HAUSTIERE
Gottvater hatte die Welt geschaffen und jedem Tier wurde ein Beruf gegeben. Der
Welf des Heiligen Georg, der Wolf, bekam zufällig die Arbeit und die Pflicht,
daß er nicht nur die Insel Saaremaa, sondern die ganze Welt von Wiedergängern,
Schratten und allmöglichen unnützen Geistern reinigen mußte.
Da diese Tätigkeit viel Zeit in Anspruch nahm, blieb ihm keine Zeit zu seinen
täglichen Beschäftigungen. Deshalb bekam er sein tägliches Brot vom Himmel.
Er bekam seinen Anteil zweimal im Jahr, nämlich im Winter zu Mariä Lichtmeß
und im Herbst in der Nacht gegen Michaelis. (Heute noch glaubt man in einigen
Orten von Saaremaa, daß jedes Haustier, das in der Nacht zu Michaelis draußen
bleibt, erbarmungslos zerrissen wird.)
Er hatte einen Paß, wo alles eingetragen war: erstens, sein Beruf, zweitens
- daß er die Erlaubnis hat, überall hin zu gehen, so wie auch sonst die Arbeiter
auf Saaremaa herumgehen, drittens - daß er zweimal im Jahr vom Himmel seinen
Anteil an Nahrung bekommt.
Dieser Glaube ist auf Saaremaa fest geankert, daß die Wölfe in der Nacht zu
Michaelis aus dem Himmel ihren Anteil bekommen, da einige Männer sie auf ihrem
Heimweg aus der Kneipe gesehen haben: es sind große Scharen von Wölfen zusammen,
die heulen und ihre Mäuler gegen Himmel halten, um ihren Anteil zu bekommen.
Einmal kam eine Hirtin mit zwei Eimern spät am Abend gegen Michaelis aus der
Sauna, die weit weg am Waldrand stand.
Eine große Schar Wölfe war neben dem Weg. Der Schreck des Mädchens war groß,
mit Staunen sah es aber, daß die Waldhunde gleich auf die Seite traten, jeweils
auf die beiden Seiten des Weges. Nur einer fing an, ihm hinterher zu laufen.
Das Mädchen schaute zurück und sah, daß der Welf des Heiligen Georg ihm hinterher
kam und daß seine Augen tränten.
Plötzlich fühlte das Mädchen, daß einer der Eimer schwerer war als der andere,
er schaute in den Eimer hinein und sah einen schwarzen Büschel. Das Mädchen
goß das Ding aus dem Eimer. Der Wolf griff es gleich zwischen die Zähne und
ging zurück.
Ein anderes Mal hörte eine Hausfrau, wie eine klare Stimme vom Himmel den Wölfen
sagte:
"Die anderen bekommen heute von mir ihren Anteil, nur du am Rand bekommst nichts.
Du mußt auf die Wiese am Rand des Moosmoors hinter dem Birkenwald von Laiavälja
gehen, zu dem Ochsen dort. Dieser weiße Ochse ist wegen der Leichtfertigkeit
der Hausfrau heute nacht draußen geblieben. Deshalb soll er dein Anteil sein."
Und siehe! Am nächsten Morgen war der Ochse zerrissen und aufgefressen.
Ebenso ging ein Mann im Winter spät in der Nacht zu Mariä Lichtmeß mit Pferd
und Schlitten durch den Wald nach Hause. Eine große Wolfsschar wartete auf dem
Weg und hielt die Mäuler gegen den Himmel. Der Mann dachte, was er nun tun sollte.
Trotz großer Angst sagte er doch:
"Dorfsmänner, der Weg zur Hälfte!" So sei es auch geschehen, die Hälfte ging
auf die andere Seite und der Mann fuhr durch. Er schaute in seiner Angst noch
einmal zurück und sah zu seiner Bewunderung, daß einer der Wölfe ihm hinterher
lief, und seine Augen tränten wegen Traurigkeit. Der Mann merkte zugleich, daß
eine dunkle Gestalt am Ende seines Schlittens steckte. Er stieß sie mit dem
Peitschenstiel vom Schlitten. Der Wolf griff die Gestalt gierig ins Maul und
ging zurück.
In einem Ort haben Wölfe in der Nacht zu Mariä Verkündigung einen Hund aufgefressen,
der draußen geblieben war. So sei da und dort wegen der Nachlässigkeit der Menschen
viel Unglück passiert, bis zum Schluß der Wolf selbst vors Gericht gebracht
wurde. Der Wolf war fest und mutig, weil er auf sein altes Recht hoffte. Er
sagte, daß alles im Paß aufgeschrieben stehe. So habe er alles mit Gottes Erlaubnis
gemacht.
Er wurde befohlen, den Paß vorzuzeigen. Dann fiel ihm ein, daß er den Paß nicht
bei sich hatte, sondern ihn seinem Halbbruder Hirtenhund in Verwahrung gegeben
hatte.
Er bat um etwas Geduld, um den Paß abzuholen, da er selbst keine richtige Tasche
oder Mütze hatte. In der alten Zeit hielten die Leute wichtigere Sachen zwischen
ihrem Mützenrand, so wie einen Brief oder Tabak oder Feuerzeug. Wenn es in der
Tasche keinen Platz gab, mußte man die Stelle zwischen dem Mützenrand benutzen.
So habe er seinen Paß dem Hirtenhund in Verwahrung gegeben. Nun wurde ihm etwas
Zeit gegeben, damit er den Paß holen könnte.
Der Wolf ging gleich zu dem Hirtenhund und fragte, wo der Paß sei, er habe ihn
dringend nötig.
Der Hund hatte es aber völlig vergessen, da er selbst auf dem Hof keinen guten
Versteckort hatte. Er hatte den Paß der Katze gegeben und ihr aufs Herz gelegt,
daß sie den Paß des Wolfs sorgfältig halten soll. Er sagte dem Wolf:
"Warte, ich werde ihn von zu Hause holen." Er ging zu der Katze nach dem Paß
fragen.
Die Katze sagte:
"Warte, ich werde ihn abholen, er ist im Speicher unter dem Kornkasten."
Sie wollte nachsehen, aber böse Nagetiere oder Ratten hatten den Paß aufgefressen.
Siehe, in der alten Zeit gab es doch kein Papier, dann wurde alles auf Leder
geschrieben, ebenso der Paß des Wolfs. Die Katze dachte wohl, daß der beste
Platz im Speicher unter dem Kornkasten sei und hatte den Paß dorthin gebracht,
nun war er aber aufgefressen.
Sie brachte dem Hund die Nachricht, daß die Ratten den Paß des Wolfs fast ganz
aufgefressen hatten.
Der Hund ging mit dieser Neuigkeit zu dem Wolf. Der Wolf wurde auf die Nachlässigkeit
des Hundes böse, stürzte auf den Hund los und fing an, ihn zu schütteln.
Mit Mühe konnte der Hund sich vor den Zähnen des Wolfs retten und lief nach
Hause, die Katze zu bestrafen. Die Katze stieß ihre Nägel hinaus und kratzte
die Nase des Hundes blutig. Der Hund wollte mit dem Rockschoß das Blut abwischen,
inzwischen konnte die Katze weglaufen und ging sofort in den Speicher die Mäuse
jagen.
Sie habe niemanden das Leben geschenkt, wen sie nur fangen konnte, den habe
sie aufgefressen.
"Wo ist der lederne Paß des Wolfs? Was habt ihr, böse Tiere, aufgefressen! Ihretwegen
hat der Hund mich geschüttelt! Das werdet ihr mir euer Leben lang bezahlen!
Wen ich fange, den fresse ich sofort auf!"
So war die Geschichte von Hund und Wolf - ohne seinen Paß konnte der Wolf sich
vor dem Gericht nicht zeigen und von dem Tag an fing er an, einfach allein herumzugehen.
Da er aber keinen Paß hatte, konnte jeder ihn vors Gericht bringen, wo er bestraft
werden konnte.
Gleichgültig, wo er nun einen Hirtenhund erblickt, sofort wird er ihn wegen
seines verlorenen Paßes angreifen. Der Hund aber läuft der Katze hinterher und
die Katze jagt Mäuse. So ist die Sache überall auf Saaremaa und auf dem Festland.
160. Der Welf des Heiligen Georg. H II 18, 72/80 (7) < Pärnu <
Saaremaa - Aleksei Küng (1889). - [AT 169 A* 1)] + US 37 + AT 200 - Der Weg zur
Hälfte!, 24 Varianten + US 37 + Das Zeugnis des Wolfes, 42 Varianten. Eine auf
dem Volksglauben beruhende lokale Erzählung und Sage vom Füttern der Wölfe durch
Gott wird mit dem Märchen über den Streit der Katze und der Mäuse beendet, das
selbst ein sagenmäßiges Ende hat.
Die Hunde hatten ein sehr bitteres Leben. Dann kamen sie einmal zusammen und waren
sehr traurig: wir führen ein Hundeleben, aber wir möchten auch etwas leichter
leben. Sie faßten den Entschluß, einen Boten zu erwählen und nach Rom zu schicken,
dem Papst eine Anklage gegen die Menschen zu bringen.
Sie erwählten einen Hund und bereiteten die Anklageschrift vor. Um den Boten
später wiederzuerkennen, schmierten sie seinen Hintern mit Teer.
Der Bote machte sich auf den Weg. Unterwegs wurde er hungrig und fraß den Brief
auf. Aber wohin gehst du ohne den Brief, so kam er wieder zurück.
Nun suchen die Hunde den Boten, der zu dem Papst gehen mußte. Deshalb ist die
erste Sache, was zwei Hunde tun, wenn sie zusammenkommen, einander unter dem
Schwanz zu beschnüffeln, um zu wissen - vielleicht warst du derjenige, der zu
dem Papst gehen mußte.
161. Die Hunde fordern ihr Recht. ERA II 70, 52/3 (18) < Türi,
Vahastu v. < Hanila, Massu v. - Alfred Samet < Jaan Sammet, 54 J. (1934). - AT
200 A - 42 Varianten.

Einmal veranstaltete der Löwe einen großen Ball und lud alle Vierfüßler unter
dem grauen Himmel ein. Der Ball war wirklich prächtig, es fehlte weder an Speise
noch an Trank. Es war bloß kein Pfeffer da. Deshalb sagte der Löwe zu dem Fuchs:
"Du, schlauer Schwanz, geh Pfeffer suchen!"
Der Fuchs sagte:
"Lieber König, ich kann das doch gar nicht tun, alle Kaufmänner und stolze Herren
mögen mein Leder am liebsten."
Dann befahl der Löwe dem Hasen, Pfeffer suchen zu gehen.
Der Hase sagte:
"Große Herren mögen meinen Braten sehr gern, deshalb werde ich nicht gehen."
Dann sagte der Löwe zu dem Hund:
"Hund, geh du Pfeffer suchen, du bist doch ein Hund!"
Der Hund sagte:
"Ich gehe schon, ich bin wirklich nichts als ein Hund."
So ging er. Ging und blieb - wie es ein Hund immer tut, da die Herren ihn ins
Zimmer nahmen zu sich leben.
Nun wurden andere Hunde ausgeschickt, diesen Hund zu suchen, und von dieser
Zeit an beschnüffeln die Hunde immer die Erde, da sie diesen Hund suchen, der
als erster zu den Menschen leben ging.
162. Warum die Hunde einander beschnüffeln. H II 55, 164/5 (9)
< Karksi - J. Hünerson < Miina Rebane (1896). - AT 200 B - 2 Varianten.

Im tiefen Wald lebte einmal ein schnellfüßiger Hase. Schon lange war er nicht
mehr zu Besuch oder in den Laden gegangen. Die Stiefel des Hasen waren schon
ziemlich zerrissen. Einmal wollte er zu Besuch gehen. Da er keine neuen Stiefel
hatte, ging er mit den alten. Der Weg führte durch Wald und Sumpf. Im Sumpf
machte der Hase seine Pfoten naß und fing an, an seinen Füßen zu frieren.
Plötzlich sah der Hase auf einer Stelle, wo Bäume gefällt waren, ein Feuer brennen.
Er ging näher, stellte seine Pfoten in die Wärme des Feuers und ließ die Stiefel
trocknen.
Nach einiger Zeit kam ein Hund zu dem Feuer. Er war auf seinem sonntäglichen
Weg in die Kirche - hatte neue Kleider und Stiefel an. Der Hase schämte sich
wegen seiner kaputten Stiefel. Der Hund merkte das sofort und fragte:
"Du, Freund, warum trägst du so zerrissene Stiefel? Kannst du denn keine neuen
kaufen?"
Der Hase erklärte, er sei gerade in die Stadt unterwegs, und fragte, woher der
Hund seine Stiefel bekommen hatte, wieviel sie kosteten und ob sie warm und
gut zum Laufen waren. Er selbst dachte noch:
"Die würden wahrscheinlich auch mir passen," und fragte:
"Wärest du so nett und ließest mir sie anprobieren?"
Der gutmütige Hund wollte nichts verbieten, zog einen Stiefel aus und gab dem
Hasen. Dieser zog den Stiefel an und ging laufen. Er lief einige Zeit und kehrte
wieder zurück, lobte sehr den Stiefel und versprach, auch sich selbst genau
solche zu kaufen. Der Hund freute sich sehr über das Lob. Er gab dem Hasen noch
einen Stiefel. Mit großen Sprüngen lief der Hase in den Wald. Bald kam er keuchend
zurück:
"Vielen Dank, daß du mir sie anprobieren ließest. Es ist aber sehr unbequem,
mit unterschiedlichen Stiefeln zu laufen; meine alten sind alt und niedrig und
daher wacklig. Könntest du mir noch zwei Stiefel geben!"
Der Hund sah, daß der Hase mit den Stiefeln ordentlich zurück gekommen war und
gab nun auch die hinteren Stiefel ab. Der Hase zog alle vier Stiefel an und
fing an zu laufen. Er lief schon ziemlich weit weg. Der Hund dachte, daß er
nun zurückkehren wird, der Hase aber schaute nur kurz über die Schulter und
lief weiter. Der Hund hoffte trotzdem, daß er noch kommt. Er sah dem Hasen so
lange nah, bis er ihn aus den Augen verlor. Nur die alten Schuhe des Hasen blieben
bei dem Feuer liegen. Nun verstand der Hund, daß der Hase ihn betrogen hatte.
Er konnte nichts dafür. Er zog die alten Stiefel des Hasen an und fing an, ihn
zu verfolgen. Von dieser Zeit an haßt der Hund den Hasen: gleich, wenn er ihn
sieht, will er ihn fangen. Klar, er will seine Stiefel wieder haben. Wegen dieses
Stiefelpaars haben die Hasen und die Hunde ähnliche Fährten.
163. Die neuen Stiefel des Hasen. S 41092/7 (1) < Setu, Mäe v.
< Järvesuu v. - Nikolai Sõrmus < Maria Kütte, geb. 1862 (1932). - AT 200 C* -
Feindschaft zwischen dem Hasen und dem Jagdhund, 2 Varianten. In Rumänien wird
erzählt, daß die Feindschaft zwischen dem Hasen und dem Jagdhund wegen gemeinsamer
Vorräte entstanden sei.

Zwei Katzen fanden einmal unter einem Schrank ein Stück Käse. Keiner wollte
es dem anderen abgeben, deshalb entstand ein großer Streit. Zum Schluß machten
sie ab, daß der Hirtenhund Rants für sie das Käsestück genau halbiert.
Sie nahmen das Käsestück und gingen mit ihrer Bitte zu Rants. Rants war gleich
einverstanden. Er nahm das Stück, biß es in zwei Teile und wog die eine Hälfte
zwischen seinen Zähnen.
Er sagte:
"Diese ist etwas schwerer," und biß noch ein tüchtiges Stück ab.
Dann maß er die andere Hälfte, nun fand er aber, daß diese schwerer sei und
machte es mit seinen Zähnen leichter.
So maß er solange, bis von dem Käse nichts mehr übrig war.
164. Der Hund teilt die Beute. H III 14, 453 (6) < Viljandi, Uusna
v. - Hermann Nigul (1893). - Mtº 200 F - 7 Varianten. Drei bisher bekannte gedruckte
Texte stammen wahrscheinlich aus anderssprachigen Druckschriften.

Ein Hund hatte einmal eine Katze ausgelacht und diese wollte sich nun bei ihm
rächen. Sie machte einen großen Ball und lud den Hund ein. Der Hund wußte von
der Schlauheit der Katze nichts und ging mit.
Sie wollten über eine enge Brücke gehen. Die Katze ging zuerst und der Hund
kam hinterher. Als die Katze schon auf dem anderen Ufer war, war der Hund gerade
in der Mitte der Brücke. Die Katze schüttelte die Brücke, worauf der Hund in
den Fluß fiel und ertrank.
Von dieser Zeit an hegen die Hunde Groll gegen die Katzen.
165. Der Hund und die Katze. H III 24, 254/5 (90) < Halliste -
J. P. Sõggel (1895). - Mtº 200 G 1) - Die Katze ertränkt Hunde, 2 Varianten.

Katzen und Hunde kommen miteinander nicht gut aus.
Auf einem Bauernhof gab es eine alte Katze, sie war sehr schlau und der Hund
war böse auf sie. Nie bekam der Hund sein Recht, immer betrog die Katze ihn
und schnappte alle Leckerbissen vor ihm und schlüpfte weg und der Hund ging
leer aus.
Einmal ging die Katze in den Wald. Der Hund sah das, rief andere Hunde zusammen
und sagte:
"Jetzt ging sie aus. Kommt alle zu Hilfe, wir wollen sie fangen!"
Die Katze ging in den Wald und kletterte an einen Baum. Die Hunde liefen zu
dem Baum.
Dann fing der eine Hund an zu befehligen: der größte Hund soll sich nach unten
liegen und alle anderen auf ihn, bis sie zu den Zweigen gelangen.
Die Katze saß immer noch auf dem Baum. Der Baum stand neben einer Wasserpfütze
oder einem Teich. Die Katze sah das... und sie bekam auch Angst. Sie kletterte
an den Zweigen weiter, sprang über die Pfütze und rannte nach Hause. Die Hunde
sprangen ihr hinterher und fielen alle in die Pfütze hinein. Sie wälzten sich
und spritzten und schwammen dort einige Zeit, bis sie endlich hinauskamen.
Die Katze war schon längst zu Hause.
166. Die Katze betrügt Hunde. RKM Mgn II 867 d) < Tori, Oreküla
- P. Kippar und A. Krikmann < Liisa Kümmel, 75 J. (1963). - Mtº 200 G 2) - die
einzige Variante.

Ein Hund und ein Wolf trafen auf dem Weg zusammen. Der Hund fragte:
"Wieso siehst du, Freund, so mager und knochig aus?"
Der Wolf klagte über sein schlechtes Leben:
"Im Wald gibt es so wenig Nahrung, ich bin hungrig."
Der Hund aber war dick. Er lobte sein Leben:
"Komm doch zu uns. Du bekommst Suppe, und ein Knochen ist auch noch drin. Der
Hausmann läßt dich auch noch ins Zimmer."
Der Wolf fragte:
"Aber warum hast du einen Reimen um deinen Hals, der dein Haar abgerieben hat?"
Der Hund sagte:
"Manchmal tut der Hausmann dir auch eine Kette um den Hals."
Der Wolf sagte:
"Auf Wiedersehen! Ich will nicht dein gutes Leben! Ich gehe zurück in den Wald."
167. Der Wolf liebt die Freiheit. RKM II 171, 60/1 (3) < Iisaku
- Mall Proodel < Eduard Proodel, 61 J. (1963). - AT 201 - 8 Varianten.

Am Anfang der Welt hatte die Kuh acht Zitzen. Sie hatte ihre vier Zitzen im
Feuer verbrannt, der Hund hatte sie aus dem Feuer herausgezogen. Deshalb gibt
man dem Hund immer zuerst etwas ab, wenn man Milchsuppe kocht.
Bei uns ein alter Mann erzählte immer diese Geschichte, wenn er betrunken war.
Als wiederum das erste Haus gebaut wurde, habe die Katze mitgeholfen, deshalb
hat die Katze größere Rechte im Zimmer als bei der Kuh. Die Katze wurde gebeten,
beim Bauen zu helfen.
Der Hund sagte:
"Meine Sauna ist unter meinem Schwanz."
Deshalb schläft die Katze auf dem Ofen, der Hund aber im Schneehaufen.
168. Der Hund hilft beim Bauen des Hauses nicht mit. ES MT 194,5/6
< Koeru, Rõhu k. - R. Toona < Leena Ots, 75 J. (1937). - Mt 202* Schull - 6 Varianten.

Eine Ziege und ein Hase fingen einmal an, darüber zu streiten, wer mehr Gras
fressen kann. Sie gingen zu einem Fuchs, um Rat zu fragen, damit er das Problem
lösen würde.
Der Fuchs dachte einige Zeit und sagte:
"Morgen früh sollt ihr hierher auf die Wiese kommen. Wer von euch beiden mehr
Gras fressen kann, der bleibt bei den Menschen leben, wer weniger frißt, muß
den Menschen fürchten und sich vor ihm verstecken."
Am nächsten Tag kamen der Hase und die Ziege zu dem Fuchs. Dieser brachte sie
auf die Wiese und befahl ihnen, mit dem Fressen anzufangen.
Die Ziege und der Hase fraßen den ganzen Tag, sie fraßen und fraßen. Die Sonne
ging unter, die beiden fraßen aber eifrig weiter. Erst dann, als es dunkel wurde,
hörten sie mit dem Fressen auf und der Fuchs brachte sie unter einen Baum schlafen.
Der Hase legte sich auf die Erde und schlief gleich ein, die Ziege aber legte
sich auf die Seite und fing an wiederzukauen.
Der Hase wurde wach und fragte: "Was machst du dort?"
"Nichts Besonderes," antwortete die Ziege, "ich kaue zum Zeitvertreib an Baumrinde.
Wenn die Baumrinde nicht ausreicht, werde ich kommen und an dir kauen."
Der Hase erschrack und lief in den Wald, die Ziege blieb unter dem Baum und
von dort führte der Fuchs sie zu den Menschen.
Von dieser Zeit an ist die Ziege ein Haustier, der Hase aber lebt im Wald, fürchtet
die Menschen und flieht vor ihnen.
169. Die Ziege und der Hase wetteifern im Fressen. RKM I 6, 121
< Kose, Ravila - Aug. Palm (1910-1957). - AT 203 - die einzige Variante. In einem
finnischen Märchen gleichen Sujets "Das Schaf und das Pferd wetteifern im Fressen"
meint das Schaf, daß es wegen seiner schwachen Beine dem Pferd unterlegen blieb.

In der alten Zeit hatte ein Schaf einmal großen Hunger. Da es kaum etwas finden
konnte, ging er zu einem Hund, um von ihm etwas zu leihen. Der Hund gab, was
das Schaf brauchte, und legte ihm noch ans Herz, daß es die Schulden schnell
zurückzahlen soll.
Das Schaf sagte:
"Wenn ich nicht anders kann, werde ich mit meinem Pelz bezahlen."
Es verging einige Zeit. Das Schaf dachte aber gar nicht an das Zurückzahlen,
sondern lebte ruhig weiter.
Der Hund sah, daß das Schaf nicht zurückzahlen wollte und ging zu Gott klagen.
Gott ließ das Schaf zu sich kommen und fragte, ob das wahr sei, was der Hund
geklagt hatte.
Das Schaf sagte, alles sei wahr. Es habe vergessen zu zahlen und im Moment habe
es nichts zu zahlen.
Gott sagte, daß es seinen Pelz abgeben muß.
Das Schaf bat, daß ihm das Pelz nicht ganz abgezogen würde, sondern nur die
Haare auf der Haut. Der Hund war dann damit einverstanden und ließ seinen Besitzer
die Wolle oder die Haare des Schafes abscheren.
Der Besitzer aber machte sich aus der Wolle eine Jacke und von dieser Zeit an
schert man Schafe.
170. Der Hund mit dem Schaf vor Gericht. E 22146/7 (19) < Pärnu-Jaagupi,
Vee v. - Mart Aija (1896). - Mtº 203 B - 7 Varianten.

Eine Hausfrau schickte ihr Schaf mit zwei Lämmern auf die Heuwiese, selbst aber
ging sie nach Hause und machte ein Nickerchen.
Die Schafe fraßen auf der Wiese und hörten plötzlich aus dem Busch ein helles
Pfeifen. Da schien nicht alles in Ordnung zu sein. Das alte Schaf ließ die Lämmer
auf der Wiese und ging weiter, um nachzusehen, was dort los war.
Es fand im Busch einen Wolf liegen und über starke Bauchschmerzen klagen. Der
Wolf bat das Schaf, seinen Bauch zu drücken.
Das Schaf glaubte der Rede des Wolfs nicht und ging gleich zurück. Es fand aber
die Lämmer nicht mehr vor, da ein anderer Wolf sie schon zerrissen hatte.
171. Das neugierige Schaf. ERA II 134, 118 (56) < Saarde, Voltveti
- J. P. Sõggel < Karl Rein, (1936). - Mtº 203 C - die einzige Variante.

Märchen mit Imitationen der Tierstimmen
Einmal segelten ein Schwein, ein Hahn, eine Ziege und ein Schafbock übers Meer
auf die Insel Hiiumaa. Das Schwein und der Hahn waren Matrosen, die Ziege der
Steuermann und der Schafbock der Kapitän. Der Wind war genau so stark, daß sich
nicht einmal die Espenblätter bewegten.
Der Hahn hielt die Wache, die Ziege war am Steuer, der Schafbock beobachtete
auf der Karte die Tiefe der See, das Schwein erholte sich vor der baldigen Wachestunde.
Plötzlich rief der Hahn vom Wachposten:
"Land voraus!"
Das Schwein holperte der Ziege näher und sagte:
"Luhva, luhva, luhva!" (Halt!)
Die Ziege antwortete:
"Das ist unmö-ää-glich!"
Als der Kapitänherr Schafbock das hörte, schrie er gleich auf Englisch:
"Levver mark (Geradeaus) - auf die Heuwiese!"
172. Die Seefahrt der Tiere. E 24796/7 (26) < Jämaja - Aleksei
Kuldsaar. - AT 204 - 2 Varianten.

Einmal gab es eine solche Überschwemmung, daß eine Sauna samt einem Hahn und
einem Kalb den Fluß abwärts wegschwamm.
Der Hahn freute sich über diese schöne Fahrt und sang auf dem Dachrand der Sauna:
"Wir wollen nach Stockholm fahren! Köö!"
Das Kalb seinerseits schrie, wie es nur konnte:
"Mööda! Mööda! (Noch weiter!)"
Zum Schluß wurde der Hahn wütend, er sprang ins Wasser und schimpfte wie ein
Pole:
"Friß deine Scheiße!"
173. Der Hahn und das Kalb fahren auf dem Fluß. E 21785 (3) <
Halliste - K. Sinka. - Mtº 204 A 2).

Einmal gingen eine Ente, eine Gans und ein Truthahn aufs Feld. Die Ente ging
allen voran und schnatterte:
"Prat-Mart, Prat-Mart!" (Mart hieß der Feldwächter.)
Hinter ihr kam die Gans und gackerte:
"Der Feldwächter kommt! Der Feldwächter kommt!"
Am Ende kam der Truthahn und gab von sich:
"Tulgu, tulgu (laß kommt), wenn er kommen soll!"
174. Die Ente, die Gans und der Truthahn auf dem Feld des Gutshofes.
RKM II 192, 425 (193) < Laiuse - Priidu Tammepuu, Helmi Kukk, 11 J. < Juhanna
Tamm 1962 (1943). - Mtº 204 A 3) - 1 Variante.

Ein Bauer ging zum Markt von Tartu. Er hatte einen Hahn, ein Kalb und ein Schaf
mit.
Als sie schon in der Nähe der Stadt waren und man schon die Türme der Stadt
erblicken konnte, habe der Hahn gesungen:
"Zum Markt von Tartu-uu! Zum Markt von Tartu-uu!"
Das Kalb habe geschrien:
"Dort müssen wir alle hin, öök!
Dort müssen wir alle hin, öök!
Dorthin, öök!
Dorthin!"
Das Schaf habe geblökt:
"Gott sei für uns alle barmherzig!"
(Ich weiß nicht, wer der erste Erzähler war. Einmal waren Männer dort bei Näduvere
zusammen. Es gab eine Versammlung. Dort war die Rede von den Marktsachen. Dann
einer erzählte. Das war das erste Mal. Später habe ich die Geschichte im Dorf
oft gehört.)
175. Der Hahn, das Kalb und das Schaf auf der Fahrt zum Markt.
RKM II 192, 161 (107) < Torma - Priidu Tammepuu < Julius Sildvee (1962). - Mtº
204 A 4) - 2 Varianten.

In der alten Zeit sprachen nicht nur Bäume, sondern auch Tiere und Gegenstände.
Dieses Sprechen soll in der Nacht vor den talsi-Festtagen*1 stattfinden. Ein Knecht
erfuhr dieses Wissen von einem Weisen.
Der Knecht ging in der talsi-Nacht in den Stall, um der Rede der Haustiere zuzuhören.
Die Kühe erzählten im Stall:
"Im Winter ist das Leben wohl besser als im Sommer. Es gibt keine Bremsen und
man muß nicht weit weg auf die Heuwiese gehen. Die schlechte Sache ist nur,
daß das Futter im Winter schlechter ist. Im Sommer ist das Futter zwar gut,
das Leben sonst aber schlimmer. Man muß weit weg in den Wald fressen gehen,
die Bremsen lassen dich kaum in Ruhe, das Wetter ist heiß und manchmal droht
der Mangel an Wasser einem das Leben zu rauben."
Die Kühe sprachen noch, daß die Hausfrau viel besser sei als der Hausmann. Wenn
der Hausmann Stroh drischt, entfernt er alle Körner und Grashalme vom Stroh.
Die Hausfrau aber gibt doch auch etwas Besseres dazu.
Solche und andere Sachen haben die Kühe in der talsi-Nacht erzählt und der Knecht
hat das alles gehört.
Auch Gegenstände hätten in der alten Zeit gesprochen, so auch der Schlitten
und der Wagen. Der Schlitten habe dem Wagen gesagt:
"Du hast ein viel leichteres Leben. Du mußt nur im Sommer arbeiten - der Sommer
ist doch gar nicht lang! Siehe, der Winter aber ist lang und ich muß den ganzen
Winter schwer arbeiten."
Der Wagen habe aber geantwortet:
"Der Winter ist gar nicht länger! Der Sommer ist länger als der Winter und deshalb
ist mein Leben schwerer als deins."
Das Pferd habe zugehört und gesagt:
"Warum streitet ihr umsonst! Der Sommer sowie der Winter sind gleich lang."
Der Knecht hörte in der Nacht vor den Festtagen auch andere Geschichten. Es
sprachen Tiere, Gegenstände sowie Sachen. Dann ging der Knecht ins Haus und
erzählte dem Hausmann:
"Siehe, welch ein Wunder! Tiere sowie Gegenstände sprachen und ich hörte mir
das alles mit meinen eigenen Ohren an."
Der Hausmann fragte:
"Was haben sie denn erzählt?"
"Das darf ich wohl nicht sagen; das ist nicht erlaubt, sonst passiert etwas
Schlimmes."
Der Hausmann aber verlangte und verlangte, daß der Knecht doch erzählen soll,
was er gehört hatte. Er munterte den Knecht auf, daß ihm nichts Böses geschehen
wird.
Der Knecht erzählte dann alles, was er gehört hatte.
Diese Tat gefiel aber Gott nicht und deshalb blieb der Knecht von nun an stumm.
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*1 talsi ist die in Setu geläufige Benennung für das alte Sonnenfest. Anderswo
in Estland, ebenso in der Schriftsprache wurde die skandinavische Entlehnung
jõul allgemein bekannt (jul - Rad - der Jahreskreis der Sonne), der später ein
christlicher Inhalt hinzugekommen ist (Weihnachten).
176. Das Stroh wird noch ein Mal gedroschen. ERA II 155, 203/5
(70) < Setu, Mäe v., Käre k. - Nikolai Sõrmus < Maria Sõrmus, geb. 1889 (1937).
- AT 206 - 15 Varianten. Laut dem Volksglauben wird jeder bestraft, der heimlich
der Rede der Tiere zuhört oder das Gehörte weitererzählt.

Einmal während der Fronarbeit zog das Gutspferd zusammen mit Bauernpferden eine
schwere Getreidelast in die Stadt. Das Gutspferd war schön groß, stark und dick,
während die Bauernpferde mager und schwach waren. Besonders ein Bauernpferd war
schon ganz müde. Dieses bat das starke Gutspferd, daß es einen Sack von seiner
Last übernehmen würde, das Gutspferd aber leistete ihm keine Hilfe, sagte nur,
daß das Bauernpferd selbst ziehen soll.
Zum Schluß ging die Kraft des Bauernpferdes ganz zu Ende, schon bat es, daß
das Gutspferd die Hälfte von seiner Last auf seinen Wagen nehmen würde, das
Gutspferd aber lehnte ab.
Das Bauernpferd ging mit seiner Last einige Schritte weiter, wurde müde, fiel
um und war bald tot.
Dann wurde die Last des Bauernpferdes genommen und auf den Wagen des Gutspferdes
geladen. Es wurde auch die Haut des Bauernpferdes auf den Wagen des Gutspferdes
gelegt.
Nun bereute das Gutshofspferd, daß sein Herz gegen das Gutshofspferd so hart
gewesen war, da es ihm viel leichter gewesen wäre, die Hälfte der Last des Bauernpferdes
zu tragen als nun die ganze Last und noch die Haut zu ziehen.
177. Das Gutspferd und das Bauernpferd. E 37259/60 (34) < Jüri,
Kurna - J. Kurgan (= Jaan Saalverk) < Jaan Peitong (1898). - AT 207 B - 10 Varianten.
Als eine moralisierende Geschichte taucht sie seit Willmann in Lesebüchern und
Schulbüchern auf. (1782).

Einmal sah ein junges Fohlen, wie ein altes Pferd aus dem Stall geführt wurde,
teures glänzendes Geschirr um den Körper, und es wurde vor einen schönen Schlitten
gespannt. Das alte Pferd lief wie der Teufel auf dem Weg zusammen mit anderen
Pferden, die mit ebenso schönem Geschirr besteckt waren wie es selbst.
"Och!" dachte das Fohlen, als es ihnen aus dem Stall nachschaute. "Wäre es doch
schön, wenn ich zusammen mit den anderen Pferden auf dem Weg laufen könnte!
Hätte doch ich ebenso schönes Geschirr und einen Schlitten!"
Ein anderes Mal, als der Hausmann wieder mit dem Geschirr zu dem Stall kam und
das alte Pferd anspannen wollte, steckte das Fohlen seinen Kopf in den Zaum.
"Na gut," sagte der Hausmann. "Du kannst wohl prahlen, wir wollen sehen, ob
du auch Kraft hast."
Das Fohlen bekam das ganze schöne Geschirr und den schönen Schlitten und wurde
zu den anderen auf den Weg gebracht. Zuerst wollte das Fohlen allen anderen
Pferden voraus sein und sie überholen. Dann aber fing es an zu schwitzen und
seine Kraft nahm ab. Dann blieb das Fohlen immer mehr zurück, bis es stehenblieb
und rückwärts zu gehen anfing.
Es kam nichts anderes. Der Hausmann nahm das Geschirr von dem Fohlen ab und
zog den Schlitten selbst nach Hause.
178. Das Fohlen beneidet das alte Pferd. E 12177/8 < Oudova, Sträkova
< Põlva - Joosep Tamm (1894). - Mtº 207 D - 4 Varianten.

Einmal wollte ein Hahn heiraten. Zu diesem Zweck hatte er vom Bauernhof des Nachbarn
Jaak ein junges buntfedriges Hennefräulein ausgewählt. Der Hochzeitstag näherte
sich schon, als sich plötzlich etwas Unerwartetes ereignete. Beim Kochen des Hochzeitsbiers
fiel die Henne in den Kessel des heißen Biers. Die Hilfe kam zwar schnell, ihr
Bräutigam - der Hahn, war zufällig bei dem Kessel und zog sie schnell heraus,
die Henne war aber schon gestorben, machte keine Bewegung mehr.
Sie brachten die tote Henne aus dem Haus und legten sie auf den Zaun trocknen.
Der Bräutigam hätte fast so geweint, daß ihm die Augen aus dem Kopf fallen,
aber es half nichts mehr.
Zum Schluß kam ein alter Fuchs dorthin und nahm sich die Henne zur Mahlzeit.
Der Bräutigam sah, wie der Fuchs mit der Henne wegging, er spannte zwei kleine
braune Mäuse vor seine kleine Kutsche aus Birkenrinde. Dann stürzte er in die
Richtung des Gutshofs Kurjasünnituse so schnell los, daß seine kleinen Pferde
schäumten.
Unterwegs sah er einen Stein, der den Hahn bat, daß er ihn mitnehmen würde.
Der Hahn wollte die Bitte ablehnen:
"Die Kutsche ist schwach und die Pferde können sie nicht ziehen. Ich muß noch
lange fahren, wer weiß, wann ich endlich ankomme."
"Das macht nichts," sagte der Stein, "ich kann dir später behilflich sein."
Der Stein wurde in die Kutsche genommen und die Kutsche eilte weiter.
Dann kam ihnen ein Hühnerei entgegen und bat, sich mitzunehmen. Nach langem
Bitten wurde es in die Kutsche genommen.
Weiter trafen sie eine Nadel, die ebenso in die Kutsche einsteigen wollte. Nachdem
sie versprochen hatte, ihm zu helfen, nahm der Hahn auch sie mit.
Nun fuhren die alle vier auf den Gutshof Kurjasünnituse. Der Gutsherr aber war
nicht zu Hause. Man ging ins Haus. Dort gab es kein Lebewesen, außer daß die
Braut des Hahns auf der Stange saß, da sie inzwischen wieder zu sich gekommen
war.
Der Bräutigam Hahn ging neben seine Braut auf die Stange schlafen, die Nadel
steckte sich in einen Stuhl, der Stein ging nach oben auf den Türpfosten, das
Ei aber legte sich auf der Feuerstelle in die Asche. So warteten sie, bis der
Fuchs nach Hause kam.
Der Fuchs kam bald, keuchte aber sehr, als er eintrat. Er setzte sich gleich
auf den Stuhl, sprang aber schreiend wieder auf und wollte in großen Schmerzen
mit einem Zug in den Ofen laufen - die Nadel hatte ihn doch in den Hintern gestochen.
Im Ofen aber platzte das Ei und warf ihm Asche in die Augen. Halbblind wollte
er durch die Tür hinauslaufen, da aber fiel ihm der Stein auf den Kopf, so daß
er tot niederfiel.
Wer war jetzt glücklicher als das junge Paar; der Stein, das Ei und die Nadel
wurden auf das Hochzeitsfest eingeladen. Auf dem Bauernhof Piiri wurde eine
prächtige Hochzeit gefeiert, auch alle Hennen und Hähne aus dem Bauernhof Jaagu
wurden eingeladen.
179. Der Hahn, der Stein, das Ei und die Nadel auf Wanderschaft.
H II 51, 54/7 (3) < Võnnu - Jaan Mootisse (1895). - AT 210 - die einzige Variante.

Ein Hund ging vor Gericht klagen, daß er ein sehr schlimmes Futter habe. Das
Gericht entschied, ihm das Recht zu geben. Ihm wurde gerichtlich ein Bett zugeordnet
und Schweinefleisch und Weißbrot zum Futter bestimmt. Der Hund war froh, kam
nach Hause und sang vor sich hin:
"Schweinefleisch und Weißbrot, Schweinefleisch und Weißbrot!"
Ein Igel aber unterbrach ihn aus einem Busch:
"Harte Knochen und Brotkrümelchen, harte Knochen und Brotkrümelchen."
Dann vergaß der Hund seine eigene Rede und ging bellend nach Hause:
"Harte Knochen und Brotkrümelchen, harte Knochen und verbrannte Brotkrümelchen."
Von dieser Zeit an frißt der Hund Knochen und kaut an Brotkrümelchen, deshalb
mag er auch keine Igel, weil einer ihm die falsche Rede ins Maul steckte.
180. Der Hund fordert sein Recht. ERA II 159, 216 (17) < Lääne-Nigula,
Oru v. - Enda Ennist < Anu Silver (1937). - AT 211* - 21 Varianten. In Norwegen
wird von einem Schwein erzählt, das seine im Gericht gewonnenen Rechte einem Fuchs
verliert, in Estland tritt immer der Hund in der Handlung auf. Aufschreibungen
stammen aus dem westlichen und dem südöstlichen Estland.

Zwei Hunde sprachen vor dem Haus des Nachbarn. Der eine sagte:
"Uns wurde ein Seidenfinger*1 ins Haus gebracht."
Der andere aber sagte:
"Uns wurde eine Feuerzange ins Haus gebracht*2."
Diese Geschichte erzählte mir meine Schwiegermutter vor siebenundvierzig Jahren.
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*1,2 euphemistische Benennungen zur Charakterisierung der Schwiegertöchter,
die ins Haus gebracht wurden
181. Seidenfinger und Feuerzange. RKM II 201, 87/8 (43) < Lüganuse
- Aino Källo < Anni Tats, geb. 1892 (1961/62). - AT 211** - Gute und schlechte
Lage des Hundes, 5 Varianten. Einige Sprichwörter mit Naturgesprächen (EV 7546
- 10 Varianten) bilden eine Art Übergang von einem Sprichwort zu einem Tiermärchen.

Der Besitzer einer Kneipe war ein Russe. Ein Mann ging dort jeden Tag mit Gänsen
und Enten vorbei. Vor der Kneipe war ein Brunnen, bei dem Brunnen war ein großer
Trog zum Tieretränken.
Der alte Gänserich trat jeden Tag auf das Ende des Trogs und schrie laut:
"Davai piiva!" [auf Russisch: Gib Bier!] Der Kneipwirt, der gut Russisch konnte,
hörte zufällig diesen Befehl und brachte einen Eimer Bier, goß in den Trog und
blieb warten, bis die Gäste bezahlen.
Der alte Enterich sagte:
"Plati dengi." [auf Russisch: Bezahlen mit Geld.] Also, daß sie ein nächstes
Mal bezahlen werden.
Der Kneipwirt war zufrieden.
Der Hirt trank zuerst, dann die Gänse und die Enten und so jeden Tag.
Es kam der Herbst und das Geflügel wurde geschlachtet. Der Kneipwirt ging zu
dem Hirten sein Geld holen: man hatte ja für dreihundert Rubel Bier getrunken.
Der Hirt antwortete:
"Ich habe doch kein Bier bestellt, die Gans bestellte!"
Der Kneipwirt klagte den Mann an, bekam aber doch sein Recht nicht.
182. Die Vögel trinken Bier auf Kredit. H IV 7, 115 (8) < Jüri
- Jaan Saalverk < Jaan Peitong, 55 J. < von seinem Vater. - AT 211 B* - 12 Varianten.
Auf Naturstimmen basierende Märchen werden auch mit anderen handelnden Figuren
erzählt. In den Varianten, wo der Truthahn um Kredit bittet, wird sein Kopf zerschlagen
- ein sagenmäßiges Ende. Vgl. AT 236*.

Einmal ging ein Hausmann zum Markt und kaufte eine Ziege. Er brachte die Ziege
nach Hause. Am nächsten Tag schickte er seine Tochter mit der Ziege auf die
Heuwiese. Die Tochter führte die Ziege grasen und fütterte sie mit dem besten
Gras auf den Feldrainen. Sie fütterte die Ziege schön satt.
Am Abend brachte sie die Ziege nach Hause. Der Hausmann kam der Ziege schon
bis zum Tor entgegen und fragte:
"Du, Zieglein, hast du so viel gefressen, wie du wolltest?"
Die Ziege antwortete dem Mann:
"Lieber Hausmann, nur so viel konnte ich fressen, daß ich, wenn wir übers Meer
gingen, nach einem Wassertröpfchen und einem Ahornblättchen schnappte. Damit
bin ich gefüttert und getränkt worden."
Der Mann nahm seine Tochter fest und verprügelte sie. Nach dem Prügel jagte
er sie aus dem Haus, weil sie die Ziege nicht ordentlich gefüttert hatte.
Am nächsten Tag schickte der Mann seinen Sohn mit der Ziege weiden. Der Sohn
ging mit der Ziege auf die Weide und fütterte sie noch besser, als die Tochter
es getan hatte. Der Sohn war den ganzen Tag auf der Weide und kam am Abend nach
Hause.
Der Hausmann kam ihnen wieder bis zum Tor entgegen und fragte:
"Na, Zieglein, hast du heute so viel gefressen, wie du wolltest?"
Die Ziege sagte wieder ihrerseits zu dem Hausmann:
"Ach, lieber Hausmann! Nur so viel konnte ich heute fressen, daß ich, wenn wir
übers Meer kamen, nach einem Wassertropfen schnappte, und als wir durch den
Wald kamen, schnappte ich nach einem Ahornblatt."
Der Mann nahm den Sohn fest und verprügelte ihn. Er verprügelte ihn und jagte
weg von zu Hause, da dieser die Ziege nicht genug gefüttert hatte.
Am dritten Tag schickte er seine Frau mit der Ziege auf die Weide. Die Frau
ging mit der Ziege auf die Weide, fütterte und tränkte die Ziege überall, wo
sie nur wollte. Am Abend kamen sie nach Hause. Der Hausmann kam wieder bis zum
Tor entgegen und fragte:
"Na, Zieglein, hast du heute etwas gefressen?"
"Ach, lieber Hausmann! Als wir übers Meer kamen, konnte ich nach einem Wassertropfen
schnappen, als wir durch den Wald kamen, konnte ich nach einem Ahornblatt schnappen.
Damit wurde ich gefüttert und getränkt."
Der Hausmann wurde noch wütender darauf, daß niemand der Ziege genug Nahrung
geben konnte. Er nahm es sich vor, auch seine Frau zu verprügeln. Er verprügelte
sie und jagte aus dem Haus.
Am vierten Tag dachte er:
"Warte, ich gehe selbst auf die Weide und ziehe mich so an, daß die Ziege mich
nicht erkennt."
Am vierten Tag ging der Mann selbst auf die Weide und zog solche Kleider an,
an welchen die Ziege ihn nicht erkennen konnte. Der Hausmann ließ die Ziege
überall grasen, wo sie nur wollte. Wenn die Ziege auf ein Kornfeld ging, ließ
der Hausmann sie dort solange fressen, wie sie wollte. Am Abend trieb er die
Ziege nach Hause. Er selbst lief ihr bis zum Tor entgegen. Er warf seine Überkleidung
beiseite, ging der Ziege entgegen und fragte:
"Na, Zieglein, hast du heute im Wald etwas zum Fressen und zum Trinken bekommen?"
Die Ziege wußte nicht, daß der Hausmann selbst mit ihr auf der Weide gewesen
war. Sie sagte wie früher:
"Ach, lieber Hausmann! Soviel konnte ich fressen, daß ich, als wir übers Meer
kamen, nach einem Wassertropfen schnappen konnte, als wir durch den Wald kamen,
schnappte ich nach einem Ahornblatt."
Jetzt geriet der Mann richtig in Zorn. Er fing an zu begreifen, daß die Ziege
vielleicht auch dann betrog, als seine Tochter, sein Sohn und seine Frau am
Weiden waren. Er war sehr zornig, er nahm die Ziege fest und fing an, sie zu
verprügeln. Er verprügelte, bis die Ziege sich losriß und weglief. Der Mann
ging leer aus - er verlor seine Ziege, seine Tochter, seinen Sohn und seine
Frau.
Die Ziege lief in den Wald und bummelte dort herum. Als sie weiterging, sah
sie ein Haus. Sie ging hinein und wohnte wie ein großer Herr in diesem Haus.
Das Haus gehörte aber einem Hasen.
Der Hase kam nach Hause. Dort sah er, daß ein schreckliches Tier schon in seinem
Haus drin war - große Hörner am Kopf, mit einem großen Bart, eine Hüfte geschürft,
die andere heil. Die Ziege schrie dem Hasen zu:
"Hei, wo willst du hin! Schnell raus aus dem Haus!"
Der Hase erschrack sehr, lief in den Wald. Er ging auf einen Erdhügel und fing
an zu weinen. Er legte zwei Pfoten über seine Brust und weinte unaufhörlich.
Es kam ein Fuchs zu dem Hasen und fragte:
"Warum weinst du, Gevatter?"
"Wie soll ich denn nicht weinen! Ich hatte ein Häuschen und lebte schön und
wohl. Ich ging für einige Minuten weg von zu Hause, wenn ich aber wieder zurück
kam, sah ich, daß ein schreckliches Tier in meinem Haus wohnt, große Hörner
am Kopf, ein großer Bart vor dem Kinn, eine Hüfte geschürft, die andere heil.
Ich ging nach Hause, aber dieses Tier jagte mich hinaus."
Der Fuchs fing an, den Hasen zu trösten:
"Weine nicht, Gevatter! Steh auf, ich komme mit dir. Wir wollen nachsehen, wer
das ist. Vielleicht können wir es aus dem Haus treiben."
Sie gingen zusammen zu dem Haus des Hasen und traten ein. Die Ziege hob den
Kopf und starrte den Fuchs und den Hasen an.
Der Hase und der Fuchs erschracken und liefen weg. Auch der Fuchs traute sich
nicht, etwas mehr zu sagen. Sie liefen solange, bis sie zurück im dicken Wald
waren. Erst dann wagte der Fuchs wieder zu sprechen:
"Ist das aber ein schreckliches Tier, ich habe noch nie ein so ekelhaftes gesehen.
Denke mal, wie große Hörner er hatte und wie großen Bart! Und stell dir vor
- die eine Hüfte geschürft und die andere völlig in Ordnung!"
Der Hase blieb wieder auf dem Erdhügel weinen. Er weinte solange, bis ein Wolf
zu ihm kam. Auch der Wolf fing an zu fragen:
"Warum weinst du, Gevatter?"
"Wie soll ich denn nicht weinen, Gevatter. Ich hatte ein Häuschen und ich hatte
dort ein schönes Leben. Einmal ging ich für einige Minuten weg, aber als ich
wieder nach Hause kam, sah ich, daß ein schreckliches Tier in meinem Häuschen
wohnte, große Hörner am Kopf, ein großer Bart, eine Hüfte vom Prügel geschürft
und die andere in Ordnung. Als ich hineinging, fing es an zu schimpfen: "Hei,
wer ist in mein Haus gekommen! Schnell raus!" Deshalb weine ich so, da ich nicht
weiß, wo ich denn jetzt wohnen soll."
Der Wolf sagte zu dem Hasen:
"Weine nicht, Gevatter! Laß uns zusammen gehen und nachsehen, wer das ist. Vielleicht
können wir es aus dem Haus treiben."
Der Wolf ging zusammen mit dem Hasen zu dem Haus, sich das schreckliche Tier
anzusehen, um vielleicht zu versuchen, es hinauszujagen. Sie gingen beide ins
Haus. Die Ziege war wieder wie zu Hause, hob den Kopf und sagte:
"Hei! Wer ist da! Schnell raus aus meinem Haus!"
Der Wolf sah, daß das Tier sehr schrecklich war. Auch er hatte keinen Mut, noch
ein Wort zu sagen, sondern lief so schnell weg, wie er konnte.
Der Hase blieb wieder auf dem Erdhügel weinen. Er weinte immer weiter, zwei
Pfoten kreuz über die Brust.
Es kam der Bär selbst zu dem Hasen, fing an, den Hasen zu befragen:
"Warum weinst du, Gevatter?"
"Wie soll ich nicht weinen. Ich hatte ein gutes Häuschen. Ich ging für einige
Stunden weg, als ich aber zurückkam, sah ich, daß keiner weiß, wer in mein Haus
eingezogen hatte: ein schreckliches Tier, große Hörner am Kopf, ein großer Bart,
eine Hüfte vom Prügel geschürft und die andere unverprügelt."
Der Bär sagte zu dem Hasen:
"Weine nicht, Gevatter! Laß uns zusammen zurückgehen, ich werde es schon wegtreiben!"
Der Hase wurde wieder froh, da der Bär doch ein starkes Tier ist, dieser wird
das Scheusal schon wegtreiben.
So gingen der Hase und der Bär in die Richtung des Hauses des Hasen, traten
ein. Der Bär ging mutig der Ziege näher, bis zu der Mitte des Zimmers.
Dann sprang die Ziege auf, die eine Hüfte geschürft, die andere heil und brüllte:
"Wer kommt und stört meinen Schlaf?" Die Ziege schreckte den Bären, der Bär
lief weg. Gut, daß er noch das Türloch finden konnte, sonst weiß man nicht,
was hätte passieren können.
Der Bär lief auch weg und der Hase blieb wieder im Wald auf dem Erdhügel weinen.
Er weinte wieder, zwei Pfoten kreuz über die Brust.
Es kam ein Hahn und fragte:
"Warum weinst du, Häschen?"
"Wie soll ich nicht weinen, Gevatter. Ich hatte mein Häuschen, wohnte nett und
gut in meinem Haus. Einmal ging ich für einige Minuten weg, aber inzwischen
kam jemand und zog in mein Haus ein, furchtbare Hörner am Kopf, ein großer Bart
vorne, eine Hüfte vom Prügel geschürft und die andere in Ordnung. Selbst sehr
böse. Ich wage nicht mehr, meinem Haus näher zu gehen."
Der Hahn fing an zu trösten:
"Weine nicht, Gevatter! Wir wollen zusammen gehen, ich werde dieses Tier schon
wegtreiben!"
Der Hase zweifelte:
"Lieber Gevatter! Kannst du das wirklich tun? Ich ging schon mit dem Fuchs -
und wir bekamen es nicht hinaus; ich ging mit dem Wolf - wir konnten es auch
nicht; ich ging mit dem Bären - sogar der Bär bekam Angst und konnte das Tier
nicht hinaustreiben. Denkst du, daß du es schaffst?"
Der Hahn sagte:
"Fürchte nichts, Gevatter, komm mutig mit mir! Ich werde es schon hinaustreiben!"
Der Hase ging mit, sie gingen zu dem Haus des Hasen und traten ein. Der Hahn
sprang auf den Türpfosten und schrie laut:
"Kikurikuu! Wer ist in diesem Haus! Schnell hina-aaus!"
Dann flog der Hahn aufs Fenster und schrie zum zweiten Mal:
"Kikurikuu! Ich werde mein Schwert nehmen! Dann fliegt dein Kopf we-eeg!"
Die Ziege sah sich den Hahn an und fand diesen sehr schrecklich, mit einem blutigen
Kopf, großer roter Hahnenkamm am Kopf und ein großes Schwert über den Rücken.
Die Ziege erschrack sehr, lief aus dem Haus des Hasen hinaus und schaute nicht
einmal über die Schulter zurück.
Dann blieb der Hase wieder allein in seinem Haus leben und führt ein gutes Leben
bis heute noch.
183. Die Ziege mit der geschürften Hüfte. S 98107/28 (13) < Setu,
Vilo v., Mäe k. - Agrafina Jänessoo < Marie Kahr, 52 J. (1935). - AT 212 + 126
- Die verlogene Ziege, 14 Varianten + Der Hahn verscheucht den Wolf, 28 Varianten.
Außer den häufigen gegenseitigen Kontaminationen (8 Varianten) knüpft sich AT
212 auch an das Wundermärchen AT 563 Das Pferd, der Tischtuch und der Stock, 4
Varianten.

Ein Esel, dummes Tier, sah, wie ein kleiner Hund in den Schoß seines Herrn sprang
und dort schön schlief. Sein Besitzer aber spielte mit ihm und streichelte ihn.
Der Esel dachte vor sich hin:
"Hat dieser aber ein gutes Leben! Er spielt mit seinem Herrn und hat gute Tage.
Ich könnte es auch!"
Er ging zu seinem Herrn und sprang an ihn auf. Der Mann empörte sich und ließ
ihn gut prügeln.
184. Der neidische Esel. ÕES EK 101, 366 (6) < Pärnu - Hendrik
Kowit (1834). - AT 214 - 4 Varianten. In Estland hat sich die Geschichte wahrscheinlich
dank einer bisher unbekannten übersetzten Druckschrift verbreitet.

Die Eselin zog immer Lasten, das Schwein aber war zu Hause in seinem Koben und
wurde mit Gerste gefüttert. Einmal ging die Eselin mit seinem Fohlen auf die
Wiese.
Das Fohlen fragte, warum es so sei, daß das Schwein nichts Gutes tut, aber trotzdem
gut gefüttert wird. Wir aber müssen schwere Lasten ziehen und bekommen nur Heu.
Die Eselin sagte, daß man dem Schwein dieses Futter noch zurückfragen wird.
Ein anderes Mal gingen sie wieder auf die Wiese, sie machten wieder Arbeit.
Sie hörten, daß das Schwein zu Hause sehr laut schrie. Nun fragte das Fohlen,
was mit dem Schwein los sei. Es muß doch nie arbeiten, was kann denn ihm noch
fehlen. Die Eselin aber sagte, daß es jetzt für die Gerste bezahlen muß.
Sie kamen mit der Last nach Hause und sahen, daß das Schwein auf der Erde lag
und blutete. Das Fohlen fragte die Mutter, was das sei. Die Mutter sagte, siehe,
die Gerste wird zurückgenommen.
Das Fohlen hob den einen Huf und den anderen hoch und bat die Mutter nachzusehen,
ob ihm vielleicht Gerstenkörner unter den Hufen geblieben waren.
Nie mehr hatte es Lust auf Gerste. Es fürchtete, daß man sie von ihm einmal
zurückfragen wird.
185. Der Esel will keine Gerste. ERA II 190, 474/5 (33) < Setu,
Vilo v. - Anna Tammeorg < Veera Muru (1938). - Mt 215* Kovàcs - 1 Variante.

Die Katze fing eine Krähe. Die Krähe war unglaublich stark. Es entstand ein
Kampf. Zum Schluß gewann die Krähe die Oberhand und brachte die Katze fliegend
in den Wald mit.
Dort gewann wiederum die Katze die Oberhand. Als sie sah, daß die Krähe sich
erholt, nahm sie ihre Schlauheit zu Hilfe.
"Vorsicht ist besser als Nachsicht," meinte die Katze und biß die Krähe tot.
186. Vorsicht ist besser als Nachsicht. E 57983 (1) < Kuusalu,
Kõnnu v., Pärispea k. - Helmi Sandbank (1926). - Mtº 217 A - die einzige Variante.

Das Gericht kam zusammen. Ein Schwein und ein Hund traten hervor. Das Schwein
hatte den Hund angeklagt, daß dieser sein Futter aufgefressen habe. Nun, als
sie vor dem Gericht standen, fragte der Richter den Hund:
"Warum hast du das Futter des Schweines aufgefressen?"
"Sehr geehrtes Gericht! Die Sache ist nicht so, wie das Schwein es erzählt.
Die Hausfrau goß unser Futter in einen Trog. Sie rief die Schweine fressen und
befahl auch mir zu fressen. Wir fraßen beide, bis das Futter zu Ende ging."
"Was sagst du, Schwein, dazu?" fragte der Richter.
Das Schwein sagte:
"Alles ist so, wie der Hund sagte. Aber es war doch Winter und ich wärmte meinen
gefrorenen Rüssel, während der Hund unaufhörlich fraß: "Lõpe! Lõpe!" (Ende!
Ende!) So ging das Futter zu Ende und ich bekam nichts.
187. Lõpe, lõpe! H I 6, 519 (1) < Vastseliina - Jaan Sandra (1895).
- Mtº 219 H 1) - die einzige Variante.

Die Frau eines Mannes von der Insel Saaremaa knetete Brotteig. Dann ging sie
hinaus, etwas zu verrichten. Da es warm war, waren alle Türen geöffnet. Sie
kam zurück und sah: das Schwein frißt aus dem Brottrog. Sie nahm einen Knüppel
und wollte schlagen. Das Schwein sagte:
"Das geschah! Das geschah zufällig!"
Die Frau ging wieder hinaus. Das Schwein kam samt den Ferkeln, sie steckten
sogar die Füße in den Trog. Die Hausfrau kam zurück, fing an zu prügeln, das
Schwein aber fuhr immer noch fort:
"Das geschah! Das geschah! Das geschah!"
Die Hausfrau schlug mit dem Knüppel - sag noch mal, daß es geschah.
Deshalb sagt man: Das geschah wie dem Schwein des Mannes von Saaremaa.
188. Es geschah. ERA II 70, 51 (16) < Hanila - Alfred Samet <
Jaan Sammet, 54 J. (1934). - Mtº 219 H 2) - die einzige Variante.

Eine Hausfrau in Võru kochte auf einmal Suppe für eine ganze Woche. Am Ende
der Woche aber wurde die Suppe schon so schlecht, daß weder die Hausfrau noch
jemand anders sie essen wollte.
Zum Schluß wurde die Schüssel mit der schlechtgewordenen Suppe vor den Hirtenhund
gelegt. Dieser fraß allmählich und sagte:
"Nicht lecker, aber geht, nicht lecker, aber geht," und ließ etwas von der Suppe
übrigbleiben.
Dann wurde die übrige Suppe dem alten Eber gegeben. Dieser fraß und lobte:
"Tobra, tobra, tobra! Tobra, tobra, tobra [auf Russisch: gut]!" und leckte auch
den Boden der Schüssel sauber.
189. Tobra, tobra! E 35444 (13) < Võnnu < Varssavi - Jaan Rootslane
(1898). - Mtº 219 H 3) - 5 Varianten.

Der Eber und die Sau unterhielten sich. Der Eber kam zu der Sau und sprach:
"Darf, darf, darf!"
Die Sau antwortete darauf:
"Ruup!" (Rubel)
Dann fängt der Eber an zu handeln und bietet an:
"Pätak, pätak, pätak1!" [Pätak - fünfzig, abgeleitet aus dem Russischen.]
So verlangt die Sau einen Rubel und der Eber bietet pätak an, bis sie es für
ganz kostenlos vereinbaren.
190. Der Eber und die Sau. ERA II 208, 468 (2) < Äksi - J. Johanson
(1938). - Mtº 219 H 4) - 1 Variante.

Ein Hahn, eine Ziege und ein Schwein stolperten einmal auf einem Bauplatz herum.
Die Ziege blieb irgendwo zwischen den Brettern stecken und fing an, die Arbeiter
zu Hilfe zu rufen:
"Männe-eer! Männe-eer! Männe-eer!"
Die Arbeiter merkten sie aber nicht. Dann flog der Hahn auf einen Pfosten, klatschte
mit den Flügeln und schrie so laut, wie er konnte:
"Hö-ört! Hö-ö-ört!" (Das muß man mit heller Stimme aussprechen.)
Zum Schluß hörten die Männer, konnten aber nicht verstehen, von welcher Richtung
die Stimme kommt. Dann hob das Schwein seinen Rüssel und zeigte in diese Richtung,
wo die Ziege feststeckte. Es erklärte:
"Direkt dort! Dort! Dort!" (Kurz und scharf aussprechen.)
Diese Geschichte erzählte mein Freund Lembit Kivikas aus Tallinn. Dieser Freund
wurde in Kurland tödlich gewundet.
191. Leute, hört! RKM II 26, 286/7 < Häädemeeste, Kägiste k. -
Marta Mäesalu < Leo Mäesalu, geb. 1920 < Lembit Kivikas (1949). - Mtº 219 I -
2 Varianten.